Straßenbilder Nr.3

 

Im Norden Israels sieht man viele Sternschnuppen.
Besonders dann, wenn du dich nachts auf dem Rücken im See Genezareth treiben lässt.
Augen gen Himmel, Körper im weiten Nass. Fast so etwas wie Unendlichkeit.
Und so hatte ich Angst in diesen mächtigen Naturgewalten unterzugehen.
Denn die Welt ist ein Planet, zieht ihr Kreise um einen Feuerball im schwerelosen Raum.
Und wir, wir sind nur ein Wimpernschlag in der Weltgeschichte, alle irgendwie gleich.

 

 

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Straßenbilder Nr.2

Natürlich scheint die Sonne, ich sitze in einem Café und höre der Musik von Eliad zu, dessen raue Stimme das Kleine sichtbar macht. So sehe ich das Grünblaukunterbund der Blätter auf der Himmelleinwand. Kann sehen, wie der schwarze Kaffee das Glas herunter regnet. Ich bin berührt, mein Herz ist offen, das Leben ist schön.

http://eliadfriedman-green.bandcamp.com

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Straßenbilder Nr.1

 

Manchmal, da ist das Leben ein Film. Im Hintergrund höre ich gute Musik, der sogenannte Soundtrack, dabei laufe ich durch Jerusalem und kann mir selber dabei zusehen. Ich sehe, wie ich Shalom diesem und jedem zulächle. Sehe, wie der Busfahrer und ich laut lachend vor dem Ticketautomaten stehen, weil wir beide nicht wissen, was der andere sagen will.
Ein altes blaues Auto ist umzingelt von Ultra orthodoxen Juden und in ihren schwarz weißen Anzügen, dem großen Hut, versuchen sie die alte Karre ans laufen zu bringen. Sie schieben es wie wild und schnell rennend die Straßen hinunter. Kinder spielen auf der Straße. Eine Frau mit langem schwarzen Rock schiebt einen Kinderwagen vor sich her, dabei flattern drei buntglänzende Luftballons, mit Happy Birthday darauf, über den blauen Himmel. Die Welt ist offen, und in meinem Film, sehe ich wie ich sie umarme, dankbar. Mit Blick auf die vollen Straßen, frage ich mich, wie wird mein Film weitergehen.

 

Porträt

Abends, nach meiner Arbeit, sitze ich mit einem Kollegen im Wohnzimmer und er fragt, ob ich keine Angst habe. Ich sage nein und frage wie er sich fühlt, ständig in einem Konflikt zu leben, unsicher ob man sich jetzt gerade im Krieg befindet, oder ob es wohl doch der Frieden ist.
Dieses Mal, sagt er, ist es anders; die Leute sind emotionaler als vor zwei Jahren, es seien wohl die Entführung der drei israelischen Jugendlichen und die Ermordung des arabischen Jungen. Alles was da so geschieht ist dichter, näher an der Bevölkerung.
Er versteht den Krieg nicht, für ihn ist das alles absurd. Daher war er auch nicht bei der Armee, hat soziale Arbeit gemacht und hat als Konsequenz das Gefühl, anders zu sein, eine besondere Rolle in der israelischen Gesellschaft zu haben.
Denn das Land erlebe nicht nur eine arabische und israelische Spaltung, es sind auch die Israelis an sich, deren Meinungen sich stark differenzieren. Nicht nur das Schicksal ist unfähig, zwischen Krieg und Frieden im Nahen Osten zu entscheiden, sondern auch die israelische Gesellschaft findet keinen eindeutigen Standpunkt.
All das ist für ihn Alltag, es ist nichts mehr besonders bombardiert zu werden, das interessiert nicht.
Seine Eltern wohnen im Norden Israels. Eines Tages im Libanonkrieg 2006 saß er vor dem Computer. Als sein Dorf bombardiert worden ist, sah er den Rauch der Nachbarhäuser. Seine Mutter sagte, wir müssen uns schützen. Aber er blieb vor dem Computer sitzen und fand den Unterschied nicht zwischen Sitzenbleiben und Schutzsuchen, zwischen getroffen oder verfehlt werden.

Am liebsten möchte er raus. In ein anderes Land. Er weiß nicht in welches, denn keines passt zu ihm. Sowieso ist es für ihn unmöglich, er denkt er sei zu alt.
Stattdessen möchte er seiner Freundin helfen einen Cupcakeladen zu eröffnen, im Moment ist es schlecht, weil keine Touristen da sind.

Er glaubt nicht mehr an den Frieden, sagt er und fixiert dabei den leeren Raum.

Ich gehe nach Hause, es ist still, die Sterne leuchten über Jerusalem.
Milliarden, sie zeigen unterschiedliche Geschichten der Gleichgültigkeit, der Wut, der Hoffnung, der Trauer. Sie schmücken den Himmel über der Stadt, strahlend, wie nirgend woanders.

 

5. August 2014 // Bruch

Veränderung, Bruch.
Nachdem ich diese Woche in der arabischen Welt der Altstadt in Jerusalem verbracht habe, bin ich nun in meiner Wohnung außerhalb der Stadt angekommen. Es ist ein jüdisches Wohnviertel mit stillen Straßen in der Nacht, und lautem Alltag tagsüber. Fernab in anderen Teilen der Stadt, macht sich ein Baggerfahrer selbstständig, überrollt einen Zivilisten, rammt einen Bus. Der (arabische) Fahrer wird von der Polizei erschossen. Später dann am Nachmittag versucht ein Motorradfahrer einen israelischen Soldaten zu erschiessen.
Das Leben geht weiter und man liest über seine Stadt in der Zeitung, hört im Radio, schaut im Fernsehen.

שבת – Shabbat

 

Shabbatabend. Eigentlich sollten wir ihn mit einer jüdischen Familie verbringen. Doch sie sagten uns ab, die arabische Welt habe für heute den „Tag des Zorns“ ausgerufen, daher wollen sie nicht mit drei kleinen Kindern als jüdische Familie durch das arabische Viertel. Tatsächlich ist die Stimmung ungewohnt still in der Jerusalemer Altstadt, im Gazastreifen sind an diesem Tag mehr als 100 Menschen gestorben. Die Araber sind angespannt, es sind mehr Soldaten in der Stadt.

Nach der kleinen Shabbatfeier im gemütlichen Kreise, gehen wir auf das Dach des Hostels.

Albernd über dies und das, redend über das Wandern in der Wüste und das Reizvolle der Einsamkeit, trinken wir den süßen Shabbatwein und rauchen Zigaretten.

Dann ganz plötzlich knallt es auf der Straße, ein Feuerwerk in der Luft, das Knallen wird aggressiver, die Lichter heller.

Meine Knie zittern ein bisschen vor Aufregung, Angst habe ich keine. Schnell gehen wir runter auf den Balkon um genauer zu betrachten was los ist. Wir sehen nur noch dreißig Soldaten und ein paar vereinzelte Araber. Wir erfahren dann, dass Araber Steine geworfen und Feuerwerkskörper auf die israelischen Soldaten geworfen haben. Jene schlugen mit Knallkörpern und qualmenden Rauchgedöns zurück.

Die Situation beruhigt sich schnell, nach einer Weile huschen wieder arabische Frauen und Kinder über die Straße. Zwei Araber werden an die Wand gedrückt und aggressiv untersucht. Und das wars dann.

 

שוק – Schuck – Markt

 

Heute, ist Freitag der 1. August 2014, Schabbat.

Daher – ganz traditionell – waren wir morgens auf dem jüdischen Markt.

Voll, schwitzig und extrem lecker sind meine ersten drei reflektierenden Assoziationen.

Das Brot stapelte sich vielfach, genauso wie das trockene und frische Obst, überall waren freudig entspannte einkaufende Menschen in Mitten eines großen Trubels. Wir kauften uns warme Pita, Humus und getrocknete Datteln, Aprikosen und Kiwis und machten Picknick in Mitten der Stadt.

Ein Mann sprach uns auf Deutsch an. Er habe in Bayern Fußball gespielt und in Deutschland als Model gearbeitet. Mit einer Verletzung wurde er ins Krankenhaus gelegt, wo er den damaligen Papst Benedikt XVI traf, damals noch Bischof. Der Bischof spielte aus purer langeweile Schach auf seinem Computer. Da diese kleine Geschichte Mitte der 80er Jahre stattfand, waren diese maschinellen Dinger absolutes und tatsächliches „Neuland“. Der Mann, David, sagte dem Bischof, er probiere den Computer zu besiegen. Der Bischof betete während der Versuche das Sch’ma Isreal und David fragte, warum er ein jüdisches Gebet bete. Der Bischof sagte daraufhin, dass wir doch alle die selben Wurzeln hätten, er habe nicht nur Latein gelernt, sondern auch Hebräisch und Arabisch.

Dies beeinflusste das Leben des David Dahan so sehr, dass er diese kleine Anekdote nun allen jungen Menschen erzählt. Heute ist er übrigens Mitglied der Knesset.

 

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Man sagt, hier in Jerusalem lebt man in einer sicheren „Bubble“. Der Krieg ist irgendwo im Süden, die Raketen landen im Iron Dom.

Und dennoch gerät man immer wieder in Schießereien im arabischen Viertel der Jerusalemer Altstadt. Das Durchschnittsalter der Akteure ist ungefähr acht Jahre alt und die Waffen sind aus hochwertigem Plastik. Es sind die arabischen Kinder, die den ganzen Tag durch die engen Gassen laufen und sich gegenseitig mit kleiner neonfarbender Plastikmunition abschießen.

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27. Juli 2014 // Landung

 

Wir fliegen los, nach den ausgiebigen Sicherheitskontrollen, der einstündigen Verspätung, und das Kribbeln der unermesslichen Vorfreude breitete sich aufs Maximale aus.

Neben mir sitzt ein Pärchen aus Tel Aviv, jegliche Klischees der israelischen freien Liebe erfüllend. Denn berührten sich ihre Lippen vier Stunden lang und die jeweiligen Geräusche erreichten vier Stunden mein Ohr. Ich wurde vollkommen in ihre Intimsphäre eingebunden und fragte mich die ganze Zeit, was mir das Schicksal wohl damit für meine nächsten Monate sagen möchte!

Aufgrund des Nahostkonfliktes näherte sich das Flugzeug der El Al dem Flughafen soweit westlich, wie nur möglich.

Das jedoch war die einzige und letzte reale Erfahrung/Einschränkung aus dem Gazakrieg, die ich bisher mitbekommen habe.
Mit dem Bus fahre ich nach Jerusalem, Schwüle ist nächtlichen Temperaturen gewichen, die Sonne geht gerade unter.

Ich sehe gut ausgebaute Autobahnen und Betonsiedlungen, flache Dächer mit schwarzen und weißen Wasserkanistern. Die Häuser mit dem Schwarz oben drauf seien die der Araber, sagen mir die Israelis.
Schnell erreicht der Bus die Mauer, die palästinensische und israelische Gebiete trennen soll, mit Stacheldraht und hohen Wachtürmen. Schnell danach erreichen wir Jerusalem und trete ein, in die Altstadt. Vor dem Löwentor diskutieren drei junge Jüdinnen mit sechs israelischen Polizisten, die sie nicht hinein lassen. Beide Seiten filmen die Situation.
Es ist das Ende des Ramadan und viel arabischer Trubel.
Und trotz der vielen vielen Eindrücke, des unendlich Neuem und der ganzen Fremdheit des Landes fühle ich mich wohl. Ich fühle mich extrem wohl hier. Vielleicht ist es der Wind, der alle unterschiedlichen Kulturen, Geschichten und Erfahrungen in sich vereint und jedem das gibt, was er gerade braucht; es gab keinen Augenblick zwischen den orthodoxen Juden, den Burka tragenden Frauen, den frechen kleinen Jungs, den Arabern und dem Undefinierbaren in dem ich mich unwohl gefühlt hätte.